Tag 49 – Mag.a Dr.in Michaela Quast-Neulinger MA

Resolut leben in Zeiten der Angst

Träumen Sie auch manchmal davon, einfach einmal das Wort zu ergreifen? Klar zu benennen, wo Menschen ausgeschlossen, verleumdet, diskriminiert werden? Wo Sie als Frau in Rollen gezwängt werden, denen Sie nie zugestimmt haben? Wo Sie Systeme ertragen, die Sie als bloßes Mittel gebrauchen, aber nicht den Menschen in Ihnen sehen? Aber das Wort erheben, aufbegehren, nach Macht streben – das tut man doch nicht, besonders nicht als gute Christin. Demütig sein!

Strukturen der Unterdrückung nehmen vielfältige Formen an. Besonders pervers sind sie, wenn sie quasi-göttlich untermauert werden: „Mach’s wie Gott, werde – nein, bleibe schwach und untertänig!“ Ein Diktum, der Frauen vielfach einzementiert wurde – und wird. Denn der theologische und politische Missbrauch Gottes durch die Mächtigen zur Unterdrückung der Entmächtigten ist bis heute wirkmächtig. Die Theologie der Angst verbündet sich mit der Politik der Angst. Frauen werden dabei zu einer besonderen Zielscheibe. Die Philosophin Martha Nussbaum erkennt darin eine dreifache Dynamik der Angst:

1. Angst und Schuldzuweisung

Frauen bedrohen den Machtplatz der Männer und machen sich schuldig, indem sie nicht ihren „natürlichen Platz“ einnehmen. Die aufmüpfige Frau, die öffentlich auftritt, bedroht die Ordnung – insbesondere „die Familie“. Die „ungehorsame Gehilfin“ muss an ihren Platz gewiesen werden.

Im politischen Diskurs taucht dieser Angstmodus rasch auf, wenn Frauen faire Bedingungen für Fürsorgearbeit, gerechte Arbeitsbedingungen oder angemessene Pensionen einfordern. Es reicht das Wort „Gender“ zu verwenden, um Panik zu provozieren – die gesamte Gesellschaft werde durch „Gender“ und widerspenstige Frauen zusammenbrechen. Und in kirchlichen Kreisen? Auch dort springen manche gerne auf den Zug der selbsternannten „Anti-Genderisten“ auf, die vor „der Zerstörung der Familie“ warnen und eine „natürliche Begabung der Frau für das Soziale“ behaupten. In den 1960ern wurde Helen Schüngel-Straumann an der Uni ermahnt, sie solle doch besser nachhause gehen und eine fürsorgliche Mutter für den zukünftigen Priesternachwuchs werden. Und heute? Wenn die Argumente in der Diskussion ausgehen, dann heißt es gerne: „Geh nachhause, such dir einen Mann…! Ist nichts für dich hier…“

2. Ekel-Angst

„Frau“ erscheint als „der Körper“, verbunden mit Flüssigkeiten, Geburt, Tod und Körperlichkeit im Allgemeinen. All dies erinnert Menschen an die eigene Vergänglichkeit. Durch Abgrenzung von der „Trägerin der Erinnerung“ will sich der Mensch von der Angst befreien. In diesem Fall ist dies „die Frau“, vor der man sich zutiefst ekelt und die kontrolliert werden muss.

Nahezu täglich liefert Donald Trump Beispiele für „Ekel-Angst“, die Verächtlichung von Hillary Clinton im Wahlkampf, die Verweise auf grausige, blutende Körper von Journalistinnen. Und in der Kirche? Ein Teil der Theologiegeschichte ist gespickt mit einer Verächtlichung der „körperlichen Frau“, die vom Heiligen ferngehalten werden muss. Bis heute hat sich bei aller Reform eine Tiefenstruktur der Angst vor Unreinheit erhalten. Wurden Sie schon gefragt, ob Sie an jedem Tag im Monat zur Kommunion gehen? Oder diese gar austeilen?

3. Neid-Angst

Frauen sind erfolgreich in Studium und Beruf – und nun fordern sie auch noch, dass Männer auch einen Teil der Fürsorgearbeit übernehmen sollen? Frauen haben uns den Platz genommen – und wenn die Argumente ausgehen, dann wird zu Verleumdung und Verächtlichung gegriffen.

Erfolgreiche Frau? Lassen wir doch über ihr äußeres Erscheinungsbild in den sozialen Medien abstimmen. Oder streuen wir ein paar böse Gerüchte, anonym versteht sich. Neid macht auch vor Kirche und Theologie nicht Halt. Frauen sind an Unis, in kirchlichen Behörden usw. Sie schreiben Bücher, wollen Karriere und Familie vereinbaren… Aber so geht das doch nicht – das Niveau der Theologie sinkt doch durch die vielen Frauen, wie manche Ohren vernehmen, oder man warnt vor der „verweiblichten Mutter Kirche“. Ein besonderes Schmankerl der Neid-Angst.

Sexismus und Frauenfeindlichkeit durchziehen Gesellschaft, Politik und Kirche. Als Christin stellen sie vor eine besondere Herausforderung: Ich sehe die große Wertschätzung, die Jesus selbst Frauen und Männern entgegengebracht hat, die breite Tradition an zum Leben ermächtigenden Worten und Taten in der Kirche und zugleich eine Welle an Diskriminierung bis hin zur Verachtung. Gottfried Bachl stellte schon vor 30 Jahren fest: „Der Jubilus und die Schmähung können nicht zusammengezählt werden. Es kommt keine Null heraus, sondern ein merkwürdiger Gegensatz.“

Die gegenwärtige Situation lässt mich oft gelähmt zurück. Wenn das bessere Argument nicht zählt, weil es gar nicht gehört werden will, weil es nicht sein darf, von der falschen Person kommt. Wenn politische und religiöse Akteure gemeinsam eine „Ordnung“ propagieren, die auf der Herrschaft einer Elite beruht und mit dem zum Leben befreienden christlichen Glauben wenig zu tun hat, wenn es auch noch so sehr das Etikett „christlich“ haben soll und die Kreuze groß getragen werden.

„Unbought and unbossed“ lautete der Slogan von Shirley Chisholm, der ersten afroamerikanischen Abgeordneten, als sie 1972 zur US-Präsidentschaftswahl antrat. Mutig, klar in ihrem Tun, trotz aller Widerstände und Verachtung. Trauen wir Christinnen uns „unbought and unbossed“ zu sein? Es fällt schwer, die Leichtigkeit des Glaubens zu leben, die befreiende Macht Gottes auch dort noch zu spüren, wo dieser Gott als Schmuckstück der irdischen Mächtigen missbraucht wird, als Steigbügelhalter der Unterwerfer. Doch Gott unterwirft nicht. Er lädt alle ein zur Beziehung, eine Einladung, auf die wir frei antworten dürfen in unseren Hoffnungen, Ängsten, Zweifeln, sogar der Verzweiflung. Eine Macht, die zum Widerstand befreit, die den Raum der Seele flutet und die Kraft zum solidarischen Handeln erweckt, wie die Mystikerin Hadewijch (13. Jh.) bezeugt:

„Da ich mich selbst dem Dienst der Liebe übergeben habe
ob ich nun verliere oder gewinne
bin ich bereits entschlossen.
Ich werde ihr immer danken
ob ich nun verliere oder gewinne.
Ich werde in ihrer Macht stehen.“

Ekel, Neid, Schuld – die Dynamik der Angst ist nicht mit Argumenten oder gar Gegengewalt zu brechen. Und sie tut weh. Nicht mein Wille, sondern dein Wille – nicht meine Macht, sondern deine Macht wirke in mir. Die uns alle einladende Liebe Gottes ermächtigt zum Wort, zur Tat, zum Handeln in Zeiten der Angst – auf ein Leben in Hoffnung, in der Leichtigkeit des Seins. Unbought. Unbossed. Unafraid. Das ist das Zeugnis resoluter Frauen in Zeiten der Angst. In ihrer Macht werde ich stehen.

Mag.a Dr.in Michaela Quast-Neulinger MA

Michaela Quast-Neulinger

 

 


Ein Gedanke zu “Tag 49 – Mag.a Dr.in Michaela Quast-Neulinger MA

  1. Ich wünsche mir für mich als Frau ein Leben in überwundener Angst von den eingeübten, eingeschriebenen weiblichen Demutsschranken. Ich wünschte mir, dass mein Resolut-sein für mich nicht so teuer erkämpft wäre. Ich hoffe, dass die europäischen Bischöfe ihre Angst vor „der Frau“ überwinden werden, um mutig wie die Bischöfe von Amazonien die Weihe für personae probati zu diskutieren. UND ich warte auf einen Dialog mit der hierarchischen Kirche zu Geschlechtergerechtigkeit und Gleichstellung!

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