Tag 45 – Dr.in Petra Steinmair-Pösel

Warum ich als Frau in dieser Kirche bleibe und was mich dabei umtreibt

Bereits seit einigen Wochen trage ich sie mit mir herum: Die Frage, warum ich als Frau in dieser – der katholischen – Kirche bleibe und was mich dabei umtreibt. Relativ rasch haben sich dabei für mich vier Aspekte herauskristallisiert: 1. das Schmerzhafte wahr-nehmen – 2. nicht den Blick auf das Gute verlieren – 3. mich an den authentischen Gründen zum Bleiben festmachen und 4. Verbündete suchen und gemeinsam Schritte in die Zukunft machen.

  1. Das Schmerzhafte wahr-nehmen: Die Frage nach der Rolle der Frauen in unserer Kirche begleitet mich seit langem. Begonnen hat alles bereits in meiner Kindheit, als ich – anders als meine männlichen Mitschüler – nicht Ministrantin werden durfte: Mädchen waren damals nicht zugelassen. Mein Vater war kreativ und hat nach so manchem Gottesdienst mit mir als Ministrantin zuhause nochmals „Messe gefeiert“. Viel später dann, beim Theologiestudium, von dem mir als Frau viele abgeraten haben – „Was willst du damit? Du kannst ja nicht Priesterin werden!“ – war ich im Doktorandenseminar in Dogmatik über weiteste Strecken die einzige Frau. Verschärfte Situation: Ich hatte zum Promovieren ein „Männerfach“ im Kanon der theologischen Disziplinen gewählt! Wieder Jahre später, als Frauenreferentin in meiner Heimatdiözese, dann erneut die explizite Konfrontation und Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Ort der Frauen in dieser Kirche, mit den Ausschlussmechanismen und ihren Nebenfolgen wie einer unreifen Sexualität so mancher Kleriker bis hin zu den damals ans Licht kommenden erschütternden Fällen sexuellen Missbrauchs. Und immer wieder das Leiden von Frauen an der (scheinbar) mehr betonierten als gläsernen Decke. Nach einigen Jahren dann schließlich die bewusste Entscheidung, mich nicht in den (Macht-)Kämpfen aufreiben (lassen) zu wollen. Mehr dazu später.
  2. Nicht den Blick auf das Gute verlieren: Denn all das ist nur ein Teil meiner Geschichte als Frau mit der Kirche: Daneben kann ich erzählen von wunderbaren Menschen – Frauen und Männern – die mich auf meinem theologischen und spirituellen Weg begleitet haben. Menschen, von denen ich immens viel und immens Wichtiges lernen durfte: Über Gott, die Menschen, die Welt und mich selbst. Ich denke an den Theologieprofessor, der uns junge Studierende mit zu Exerzitien genommen und uns dadurch einen geistlichen Weg erschlossen hat. An die Ordensfrau, Psychologin und Zen-Meisterin, die mir die Augen geöffnet hat für den „kollektiven Schatten“, mit dem wir es gerade in der Frauenfrage zu tun haben und die selbst als Pionierin mutig neue Wege geht. Den geistlichen Begleiter, der mit seinem unbestechlichen und zugleich liebevollen Blick auf mein Leben mir hilft, meine oft krummen Wege doch als Gottes Weg mit mir zu erkennen. Sie alle – und viele andere – sind Menschen, die selbst an manch dunklen Seiten dieser Kirche leiden und die doch mit ihrem Bleiben und Wirken einen echten Unterschied machen. Das führt mich zum dritten Aspekt:
  3. Mich an den authentischen Gründen zum Bleiben festmachen: Ich bin und bleibe nicht in dieser Kirche, weil ich alles richtig finde, was hier geschieht – auch und gerade nicht im Blick auf die Frauen. Ich bin und bleibe Teil dieser Kirche, weil ich in dieser Gemeinschaft mit etwas, mit einer Hoffnung und Liebe, in Berührung gekommen bin, die für mein Leben prägend geworden sind. Menschen in dieser Kirche waren und sind mir Wegweiser hin zum letzten Urgrund aller Wirklichkeit, der uns alle in seinen liebevollen Händen hält. Dass wir derzeit mit Franziskus einen Papst haben, der mir in so vielem aus der Seele spricht, macht es leichter zu bleiben. Doch auch er ist nicht der Grund. Ich habe gelernt, dass jede Gemeinschaft aus Menschen Fehler macht – spätestens, wenn ich dabei bin, denn ich bin ein Mensch mit Fehlern und Schwächen. Damit sollen nicht Strukturen der Sünde, die es natürlich in der Kirche gibt, verharmlost oder beschönigt werden. Was mir jedoch immer suspekter wird, sind Menschen, die mit dem Finger nur auf andere zeigen und deren (meist allzu offensichtliche) Fehler anprangern. Wir alle brauchen Barmherzigkeit, Vergebung, Neuanfang – immer wieder. Eine Gesellschaft, die das nicht mehr sieht, sehen kann oder sehen will, produziert unweigerlich Opfer, Sündenböcke zuhauf. Was also tun?
  4. Verbündete suchen und gemeinsam Schritte in die Zukunft machen – das ist die Antwort, die ich für mich gefunden habe. Es geht darum, in einer sich entsolidarisierenden Welt, einer auf maximales individuelles Glück fokussierten Gesellschaft der Singularitäten wieder neu Erfahrungsräume der Solidarität zu finden und zu begründen. Erfahrungsräume, die durchaus innerhalb dieser katholischen Kirche angesiedelt sind, Räume, in denen Männer und Frauen ganz selbstverständlich gemeinsam Leitung übernehmen, in denen sie aber vor allem eines tun: versuchen, der von Jesus vorgezeichneten Spur zu folgen und einander auf diesem Weg zu unterstützen. Dafür braucht es Mut und Kreativität, aber auch Fehlerfreundlichkeit und Barmherzigkeit. Wie immer, wenn die Kirche sich in dunklen, winterlichen Zeiten befindet, strahlen Lichter auf: Neues kommt in die Welt. Das ist auch heute so – ich beobachte es an manchen Orten, wo Menschen – Frauen und Männer – sich zusammenschließen, um neu miteinander jenen Lebensstil zu lernen, den Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato si‘ so wunderbar beschreibt. So wird sich die Kirche von innen her wandeln – und ich hoffe, dass ich Teil davon sein darf.

Dr.in Petra Steinmair-Pösel

Petra Steinmair-Pösel


4 Gedanken zu “Tag 45 – Dr.in Petra Steinmair-Pösel

  1. Dein Text leuchtet die Frage in der Tiefe aus. Wisse mich als Verbündeten. … und es gibt deren mehr, wie ich letzte Woche in Portugal und Spanien feststellen konnt.

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  2. Danke für die ehrliche Auseinandersetzung mit den eigenen Beweggründen, in der Kirche zu bleiben! Bin von einem Resonanztreffen zum Zukunftsweg der Kirche so frustriert ob der konkreten Situation vor Ort heimgekommen, dass ich nicht einschlafen konnte. Jetzt kann ich mich wieder zur Ruhe legen, denn ich entscheide mich doch auch immer wieder, zu bleiben!

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