Tag 44 – Assoz.-Prof.in Dr.in Regina Polak, MAS

Die Kirche und die Frauen

Warum ich meiner Katholischen Kirche treu bleibe

Ich liebe die Kirche und glaube an ihre Zukunft: Nicht zuletzt, weil sie mit ihrem biblischen Erbe die aus meiner Sicht aufregendsten Texte der Weltgeschichte bewahrt. Indem sie den darin bezeugten Glauben an Jesus Christus, „das Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15), seit Jahrhunderten durch ihre Worte und Taten, in der Liturgie und der Diakonie auslegt, hat sie die Welt verändert. Auch für Frauen: Indem in der Taufe Frauen als gleichwertig und gleichwürdig anerkannt werden, haben sie auch Anteil am dreifachen Amt Christi, als Königinnen, Priesterinnen und Prophetinnen. Sie sind nicht mehr nur über Männer oder die Familie definiert, sondern gleichwertige „Mitglieder“ der Gemeinde Gottes. Der Historiker Michael Mitterauer hat in seinem Buch „Warum Europa?“ (München, 2009) gezeigt, wie sehr dies zur Befreiung von Frauen in Europa beigetragen hat.

Ohne Zweifel sind das Versagen und das Scheitern meiner Kirche dramatisch und dürfen nicht beschönigt werden. Aber sie gehören dazu. Die Kirche kann daraus lernen.

Für mich ist die Kirche „mehr“ als ihre historischen und zeitgenössischen Konflikte und die schuldhaften Taten ihrer Gläubigen. Sie ist nicht nur eine Funktion. Sie ist auch ein heiliger Raum. Sie ist nicht nur synchrone, sie ist auch diachrone Wirklichkeit. Ich bin durch die Zeiten verbunden mit einer Hildegard Burjan, einer Teresa von Avila, einer Katharina von Siena und einer Hildegard von Bingen. Auch mit Thomas von Aquin, Meister Eckart und Ignatius von Loyola. Mit Abraham und Sara, Isaak und Rebecca, Jakob, Rahel und Lea. Mit Moses und Elias. Und natürlich mit Jesus von Nazareth.

Darum bleibe ich.

Die „Frauen-Frage“

Gerade weil ich die Kirche für etwas Besonderes und Unverzichtbares halte, nervt es mich, dass wir uns in der Katholischen Kirche seit Jahrzehnten mit dieser Frauen-Frage herumplagen und streiten. Die damit verbundene Unbeweglichkeit schwächt und hindert uns – Frauen wie Männer –, unsere Mission mit ganzer Kraft zu erfüllen. Die Befreiung der Frauen gehört zu den großen globalen Trends des 20. und 21. Jahrhunderts und verändert die Welt. Das wusste auch schon Papst Johannes XXIII., als er in seiner Enzyklika „Pacem in Terris“ (1963) die Emanzipation der Frau zu den „Zeichen der Zeit“ zählte: d.h. für ein geschichtliches Ereignis hielt, in dem sich Gottes Zuspruch und Anspruch vernehmen lässt. Wir sind unglaubwürdig, wenn wir daraus nicht auch innerkirchlich die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Derzeit sind wir in Europa dabei, die Frauen, allen voran die jungen, gebildeten Frauen zu verlieren. Diese jungen Frauen sind empirischen Studien zufolge nicht nur interessiert an spirituellen Erfahrungen, sie sind spirituell Erfahrene und sie engagieren sich für Anliegen, die auch Anliegen der Kirche sind: Bewahrung der Schöpfung, globale Gerechtigkeit und Frieden. Sie suchen bei anderen nach geistigem Sinn und engagieren sich andernorts. Sie fehlen uns.

Einwände

Natürlich werden nicht alle kirchlichen Probleme gelöst sein, wenn Frauen Zugang zu Weiheämtern bekommen. Frauen sind nicht die besseren Menschen und müssen auch nicht idealisiert werden. Die großen spirituell-theologischen, kirchlichen Herausforderungen der Gegenwart werden wahrscheinlich überhaupt erst sichtbar werden, wenn wir uns nicht mehr nur mit uns selbst beschäftigen müssen. Aber dann könnten wir – Männer wie Frauen – unsere ganze Kraft endlich dafür einsetzen, auf die „Zeichen der Zeit“ zu reagieren.

„Die“ Frauen stehen auch nicht als geschlossener Block „den“ Männern gegenüber. Frauen sind – wie alle Menschen – verschieden. Frauen haben auch zur „Frauen-Frage“ verschiedene Positionen. Frauen sind auch keinesfalls nur arme und machtlose Opfer. Sie können ihre Macht auch innerhalb der Kirche ausspielen und tun dies auch – nicht selten hinter der Bühne. Aber dieser Mangel an Transparenz und theologischer Legitimität der Ausübung von Macht schadet der Kirche, weil er entzweiend und entsolidarisierend wirkt.

Aber als Frauen teilen wir etwas: Wo immer für die Kirche Maßgebliches entschieden wird, können Frauen nur dann teilhaben, wenn es ihnen von Klerikern erlaubt wird und sie an deren Macht teilhaben dürfen. Das ist auch dann nicht wirklich gut, wenn diese Entscheidungen gute, lebensförderliche sind. Es ist nicht gut, weil Frauen strukturell keine Partnerinnen auf Augenhöhe sind und Abhängigkeitsverhältnisse geschaffen werden.

Ich verstehe auch die Treue meiner Kirche zu ihren Traditionen. Veränderungen müssen theologisch gut begründet sein. Aber wenn Traditionen daran hindern, den kirchlichen Auftrag zu verwirklichen oder ihm widersprechen, dann müssen sie nachgebessert werden. Die Kirche hat dies immer wieder getan. Man denke nur an die Erklärungen des Zweiten Vatikanums zur Religionsfreiheit, zur Ökumene oder zum Judentum.

Konsequenzen

Frauen müssen an der Gestaltung der Kirche strukturell, rechtlich und theologisch legitim mitwirken dürfen. Dabei vom guten Willen von Klerikern abhängig zu sein, widerspricht der Taufwürde. Dazu braucht es Macht: in der Kirche ein negativ assoziiertes Wort, trotz der Tatsache, dass jede Institution mit Machtausübung verbunden ist und Weiheämter mit Macht verbunden sind: Deutungsmacht, Entscheidungs- und Leitungsmacht. Gestaltung benötigt Macht. Entscheidend ist, wie die Kirche Macht verteilt und damit umgeht. Darin kann und soll sie Vorbild sein (Mk 10,42-45).

Die weltweite Erschütterung der Kirche durch den Missbrauch macht z.B. deutlich, dass wir in der Kirche Strukturen haben, die einen lebensbeschädigenden Machtmissbrauch begünstigen können. Diese Strukturen und die damit verbundene Kultur des Umgangs mit Macht sind von Männern gemacht und werden von ihnen hauptverantwortet. Diese Strukturen schaden allen, auch den Männern.

Frauen werden das nicht automatisch besser machen, weil sie Frauen sind. Aber Frauen müssen am schwierigen Weg der Kirche in die Zukunft teilhaben und mitgestalten. Und zwar theologisch begründet und rechtlich legitimiert. Die theologischen Überlegungen dazu liegen am Tisch. Sie müssen im Horizont der Herausforderungen der Gegenwart interpretiert werden. Nicht nur die Bewahrung der Tradition, auch die Gegenwart ist eine theologische Autorität.

Die aktuellen scharfen innerkirchlichen Konflikte um diese Frage machen mich keinesfalls glücklich. Aber ich möchte nicht, dass Frauen erst aus der Kirche auswandern müssen, ehe die Kirchenleitung begreift, dass sich etwas ändern muss. Dazu ist ein solcher Aufstand offenbar nötig. Man sollte ihn ernst nehmen. Er atmet den Geist kritischer Loyalität und Treue.

Assoz.-Prof.in Dr.in Regina Polak, MAS

Photo by: Joseph Krpelan www.derknopfdruecker.com
Regina Polak (c)Joseph Krpelan

 

 


2 Gedanken zu “Tag 44 – Assoz.-Prof.in Dr.in Regina Polak, MAS

  1. Die Kirche gibt viele Antworten für die Problemlagen unserer Zeit. Aber leider ist sie auch der Ort, von dem sich Frauen abwenden. Das eine kann das Gehen aus der Kirche nicht aufwiegen. Es ist höchste Zeit, dass die Kirche heute an die in Pacem in Terris gegründete Tradition anschließt und es versteht, die Zeichen der Zeit zu lesen.

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  2. Die Beiträge sind echt gut, aber diese Titelverstümnelungen Prof.in oder Dr.in find ich echt daneben. Muss das denn sein? Wenn ich als Frau so zwanghaft darauf poche mich abzuheben, brauch ich mich nicht wundern wenn das mit der Gleichbetechtigung nicht klappt.

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