Tag 31 – Mag.a Angelika Ritter-Grepl

Ich will nicht mehr vom Gleichen. Ich will einen anderen Kuchen – eine erneuerte Kirche, in der Geschlechtergerechtigkeit lebt.

Es fängt bereits mit den Worten: „Ich will“ an. Darf ich denn das? Wäre es nicht geziemender: „Ich möchte“ zu schreiben? Nein, ich gebe mir die Erlaubnis: „Ich will“ zu denken, zu sagen und zu schreiben. Der Kuchen ist die Metapher für die Kirche, in der Männer durch eine klerikale Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern das angebrochene Reich Gottes beschädigen. Für mich ist aber ganz klar: Ich fordere nicht mehr – also ein größeres Stück vom Kuchen. Denn das ist mir zu wenig! Ich will einen anderen Kuchen, das heißt eine andere Kirche!
Mehr vom Kuchen hat zwar auch seinen Reiz, denn die frauendiskriminierenden Paragraphen im Kirchenrecht wären aufgehoben.

Es würde nicht mehr, wie im CIC (1983) c.230 §1 vorgesehen, nur auf Dauer bestellte männliche Lektoren und Akolythen geben. Frauen wären gleichberechtigt in den Laiendiensten. Sicherlich ein notwendiger Schritt – aber aus meiner Sicht zu wenig!
Mehr vom Kuchen heißt zwar endlich Gleich-Berechtigung. Das ist kein kleines Ziel, aber nur der erste notwendige Schritt zur Gleichstellung von Frauen und Männern.

Doch ein anderer Kuchen würde bedeuten: eine erneuerte Kirche.
Die Charismen und Berufungen von Laien, die in vielfältigen Diensten bereits praktiziert werden, brauchen eine solide theologische und rechtliche Basis. Die Abhängigkeit vom Willen geweihter Vorgesetzter gehört in der erneuerten Kirche der Vergangenheit an.
Ein anderer Kuchen meint Gleichstellung und geht über Gleichberechtigung hinaus. Erst in der Gleichstellung spiegelt sich die Gottebenbildlichkeit von Frauen und Männern wider. Berufungen und Sendungen werden auf Grund der Fähigkeiten, Begabungen und Charismen einzelner Personen ausgesprochen, so wie es dem Selbstverständnis der erneuerten Kirche entspricht und nicht auf Grund der Zugehörigkeit zu einem biologischen Geschlecht. Ein anderer Kuchen macht mit der Gleichstellung von Frauen und Männern in der Kirche ernst!

Das größte Hindernis zur erneuerten Kirche, in der Geschlechtergerechtigkeit lebt, geht von dem Umstand aus, dass alle Frauen ohne Ausnahme den geweihten Männern immer untergeordnet und von allen durch Weihe übertragenen Vollmachten und Tätigkeiten ausgeschlossen sind. Daraus entsteht eine Frauen diskriminierende Geschlechterordnung mit einer männlichen Herrschaft. Die Ursache liegt im c. 1024 CIC 1983, welcher fest hält, dass die heilige Weihe zum Priester nur ein getaufter Mann empfangen kann. Die Begründung dazu liegt in der Lehre: „Die Kirche habe keine Vollmacht, Frauen die Priesterweihe zu spenden.“ Seit 1994 leben wir also mit einer selbst auferlegten, eingeschränkten Macht der Kirche, was die Frauenfrage betrifft. Obwohl bereits Edith Stein meinte, dass: „dogmatisch nichts im Wege zu stehen (scheint), was es der Kirche verbieten würde, eine solche bislang unerhörte Neuerung durchzuführen.“ Allerdings hatte sie ihre Zweifel wegen der traditionellen Geschlechterordnung, die eine Trennung der Geschlechter vorsah. In den Jahrzehnten nach ihrer Ermordung durch das NS-Regime erzielte die Wissenschaft im Bereich der Geschlechterforschung allerdings unglaubliche Fortschritte, welche sie als Wissenschaftlerin, wäre das heutige Geschlechterwissen bekannt gewesen, sicherlich rezipiert hätte. Die kirchlich lehramtliche Vorstellung, dass sich Frauen und Männer ergänzen würden, hält einer wissenschaftlichen Betrachtung und der Lebensweise von Frauen und Männern nicht stand.
Dieses kirchliche Gendermodell der Komplementarität stützt die Vorstellung einer Priestermännlichkeit, die sich am Modell des pater familias orientiert und damit Frauen im Priestertum undenkbar erscheinen lässt. Der menschgewordene Gott erlöste die Welt durch seine Menschwerdung, nicht durch seine Mannwerdung. Das Handeln der Priester in persona Christi capitis braucht darum schon lange Überlegungen, wie Christus nicht nur durch Männer, sondern auch durch Frauen im Weiheamt repräsentiert werden kann.

Diese Thematik des Weiheamts geht weit über die Forderung nach mehr vom Kuchen der Kirche bezüglich der Weiheämterzulassung für Frauen hinaus. Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern kann nur der erste Schritt sein, sodass getaufte Menschen als Zölibatäre und Verheiratete die Priesterweihe gültig empfangen können.

Mit der Einführung des Diakonats als Weiheamt für Frauen erfolgt dazu ein erster Schritt. Allerdings braucht es noch viele Überlegungen, wie ein Ständiger Diakonat für Frauen und Männer, der als eigenständiges Amt bestehen kann, konzipiert sein muss. Erst daraus kann Gleichstellung wachsen, also ein anderer Kuchen, eine Chance zu einer erneuerten Kirche.

Der Weg zu einer geschlechtergerechten Kirche beginnt erst. Es wird viele Diskussionen brauchen und eine große Veränderung des Amtsverständnisses und der Praxis der Weiheamtsträger. Die männlich gedachten Weiheämter müssen sich auch für Männer verändern, wenn Frauen zur Weihe zugelassen sind. Weiheämter, wie sie heute von Männern gelebt werden, sind für Frauen nur begrenzt anziehend. Wie gesagt, Mannsein, als Qualifikation zum Weiheamt, kommt der totalen Reduktion von Charismen und Berufungen auf ein biologistisches Argument gleich. Die Diskussionen zu den viri probati machen dies deutlich. Die Zulassung von viri probati verschärft die Frauenfrage in der katholischen Kirche. Für theologisch ausgebildete Frauen im kirchlichen Dienst entsteht dadurch eine Situation des Zwangslaientums, eine unsägliche Diskriminierung. Ein solcher Schritt kann nur als frauenfeindlich, als misogyn, welcher die unheilvolle Geschlechterordnung der katholischen Kirche bestätigt, gewertet werden.

Darum plädiere ich für die Frauen in der Kirche, dass es uns nicht genügt, mehr vom gleichen Kuchen zu wollen. Wir wollen einen anderen Kuchen – denn: eine geschlechtergerechte Kirche wird ein lebendiges Heilszeichen in der Welt von heute sein. So wie ich bei meiner Eheschließung: „Ich will“ gesagt habe, sage ich auch jetzt: „Ich will!“ Denn dazu fühle ich mich gerufen: ich setze mich mit meinem Geschlechterwissen in guten und in schlechten Zeiten für die erneuerte, geschlechtergerechte Kirche, in der Frauen und Männer als Ebenbild Gottes gleichgestellt sind, ein.

Mag.a Angelika Ritter-Grepl

Tiroler Sonntag
Angelika Ritter-Grepl (c)Vanessa Weingartner

4 Gedanken zu “Tag 31 – Mag.a Angelika Ritter-Grepl

  1. Ich bin jeden Tag aufs Neue gespannt, was da kommt und immer wird diese innere Spannung zum Klingen gebracht.
    Danke für die Klarheit, den Mut und die Offenheit eurer Worte.
    Ja ich will auch diese erneuerte Kirche!
    Gerda Stemmer, Weiler

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